Eine Anleitung zum Verhalten mit Diabetes – für Menschen ohne Diabetes

Vor einiger Zeit habe ich auf Facebook eine Anleitung interessante Ratschläge gefunden die das Verhalten mit Diabetes für Menschen ohne Diabetes erklärt. Dr. William Polonsky, Gründer und Chef vom Behavioral Diabetes Institute (BDI), ein gemeinnütziges Institut, dass sich zum Ziel gesetzt hat Menschen mit Diabetes zu helfen, hat diese zusammengestellt. Aus dem Englischen übersetzt hat Bayer Diabetes Schweiz, welche die „Anleitung“ auch als PDF anbieten. Ich habe zu jedem Punkt meine eigene persönliche Meinung dazugeschrieben. Also legen wir los:

  • Bitte gib keine ungewünschten Ratschläge über mein Essen oder andere Dinge im Diabetes. Du meinst es gut, aber Ratschläge zu meinen persönlichen Gewohnheiten, besonders ungefragt, ist nicht sehr nett. Zudem sind manche populären Annahmen über Diabetes („Du sollst keinen Zucker essen“) altmodisch oder sogar total falsch.

Beim Essen und Trinken hört bei mir der Spass auch auf. Erst recht, wenn das Essen sehr gut ist und ich mir mehr als eine Portion gönne. Da fahre ich auch Mal meine Eltern grob an.

  • Frage wie du nützlich sein kannst. Wenn du mich unterstützen willst, gibt es einen Haufen kleine Dinge, bei denen ich Hilfe schätze. Aber was ich wirklich brauche kann sehr verschieden sein von dem, was du denkst, dass ich brauche. Frage mich daher zuerst.

Auf Fragen gebe ich Antworten. Erkläre gerne auch ausführlicher, falls der Frager wirklich Interesse zeigt.

  • Schaue nicht erschrocken, wenn ich meinen Zucker messen muss oder mir Insulin verabreiche. Es ist auch für mich nicht lustig. Blutzuckermessen und Medikamente nehmen sind Dinge, die ich tun muss um meinen Diabetes gut zu beherrschen. Wenn ich mich dabei verstecken muss, wird es viel schwerer für mich.

Dieser Punkt ist mir unterdessen egal. Ich bin aber so höflich und frage nach ob du auch einen „Schuss“ willst, wenn du mich beim Insulin spritzen anstarrst.

  • Biete mir an, mit mir gewisse Lebensgewohnheiten zu ändern. Nicht allein zu sein bei meinem Bemühen um Veränderung ist einer der besten Wege wie du mir helfen kannst. Zudem gewinnen wir beide von einem gesunden Lebensstil.

Schwierig. Wahrscheinlich müsstest du mich zuerst überzeugen von den neuen Lebensgewohnheiten, dann wird ausprobiert, optimiert und abgestossen :)

  • Erzähle mir keine Horrorgeschichten über deine Grossmutter oder andere Leute mit Diabetes, von denen du gehört hast. Diabetes ist unheimlich genug, und solche Geschichten sind nicht beruhigend. Zudem wissen wir heute, dass mit einer guten Einstellung die Aussichten auf ein langes, glückliches und gesundes Leben mit Diabetes gut sind.

Dazu gehört auch, „meine Grossmutter hat Diabetes und sie muss nur Tabletten nehmen“. Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist es Diabetes Typ 2 und nicht Diabetes Typ 1!

  • Verstehe und anerkenne, dass der Umgang mit Diabetes harte Arbeit ist. Das Bewältigen von Diabetes ist eine Vollzeitbeschäftigung, um die ich mich nie beworben habe, die ich nicht wollte und trotzdem jetzt nicht aufgeben kann. Es beinhaltet das Denken über was, wann und wie viel ich essen kann, während ich gleichzeitig berechne, wie sich Bewegung, Stress und die Arbeit auf den Zucker auswirkt. Ich muss Blutzuckermessen, Insulin spritzen, die Medikamente nehmen, an den Arztbesuch denken und vieles mehr – jeden Tag.

Wahre Worte. Jeden Tag von neuem und nie genau gleich! Kein Wunder bin ich vor lauter Vollzeitjobs immer müde ;)

  • Unterstütze meine Anstrengungen, mit dem allem zurecht zu kommen. Hilf mir bei meinen Anstrengungen, gesund zu essen. Respektiere meinen Entscheid, etwas bestimmtes nicht zu essen, selbst wenn es dir wichtig wäre, dass ich es versuche. Du hilfst mir dann am meisten, wenn du nicht auch noch versuchst, mich in Versuchung zu führen.

Nicht nur Essen auch Getränke gehören in die Aufzählung. Wobei dir im Moment wo du mir Cola anbietest oder zum Beispiel gegen Übelkeit empfiehlst gar nicht bewusst ist, dass das eben nicht das optimale Getränk für einen Menschen mit Diabetes ist. Das verstehe ich und mache dich auch freundlich drauf aufmerksam. Oder du bekommst, einen dummen spruch retour wie zum Beispiel: „Nein, danke. Ich habe schon Zucker und benötigen keinen für in den Kaffee!“

  • Schiele nicht auf meine Blutzuckerresultate und kommentiere Sie nicht, ohne dass ich dich darum bitte. Diese Zahlen gehören mir, ausser ich möchte sie mit jemandem teilen. Es ist normal, Werte zu haben, die zeitweise zu hoch oder zu tief sind. Deine unverlangten Kommentare dazu können meine Enttäuschung, meinen Ärger und meine Frustration über schlechte Werte nur noch grösser machen.

Auch wenn ich dir den Wert sage und du vielleicht weisst, dass ein Wert oberhalb von 15 mmol/l (270 mg/dl) nicht gut ist, brauche ich nicht noch – von dir liebgemeinte – tadelnde Worte. Ich weiss es auch und versuche diese in geringer Zahl zu halten.

  • Biete mir deine Liebe und deine Ermutigung an. Ich arbeite hart daran, meinen Diabetes gut einzustellen, auch weil ich spüre, dass ich dir wichtig bin. Versuche nicht, mich mit gedankenlosen Sprüchen zu trösten. Wenn Du zum ersten Mal von meinem Diabetes hörst, wirst Du mich wahrscheinlich beruhigen wollen mit Aussagen wie: “Es könnte schlimmer sein, Du könntest Krebs haben!” Das wird mir nicht helfen, mich besser zu fühlen. Und es tönt wie: Diabetes ist keine grosse Sache. Aber Diabetes, wie Krebs, IST eine grosse Sache.

So eine Aussage hörst du eher von mir!

Gesamthaft gesehen, ist Zurückhaltung bei dir nicht näher bekannten Menschen mit Diabetes angebracht. Was meinst du zu diesen Punkten als Mensch mit oder ohne Diabetes?

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7 Kommentare bei “Eine Anleitung zum Verhalten mit Diabetes – für Menschen ohne Diabetes
  1. Find ich klasse! Werde ich auf jeden Fall weiterverbreiten! Spricht mir teils schon sehr aus der Seele!
    Super Blogeintrag!

  2. Interessante Einblicke in die emotionale und gedankliche Welt eines Menschen mit Diabetes für einen Menschen wie mich ohne Diabetes und gut zu wissen in der zwischenmenschlichen Praxis – Vielen Dank dafür.

  3. is echt gut und vieles errinert mich an mich selbst, wenn mir wieder einer was verbieten will weil ich diabetes hab oder jemand denkt, das er sein schnupfen mit meinem diabetes vergleichen kann, weil ich ja nur auf zucker verzichten muss.

  4. Sehe ich das richtig, Du versuchst Dich damit von der Leitung des Veloreisli012 zu drücken?!

    Nein Spass beiseite, toller Beitrag (und ich füge an, alle meine Fragen an Dich waren wirklich aus medizinischem Interesse).

  5. @ Easy: Danke und dein Weiterverbreiten hat die Besucherzahlen explodieren lassen :)

    @ Jürgen: Bitte und wie unter Menschen üblich, die Reaktionen auf (Aus)Fragen können unterschiedlich sein.

    @ Steff: Danke. Ich glaube da finden sich viele Menschen – nicht nur mit Diabetes, auch sonstige Krankheiten – in ähnlichen Situation.

    @ Friedi: Stimmt, das anstrengendste sind die „Verbote“ oder die unfairen Vergleiche, die wir immer wieder zu hören bekommen.

    @Chnübli: Klar, mit dem Veloreisli012 hätte ich dann einen 300% Aufgabe – das wär dann zuviel :)
    Danke (und ich füge an, ich gebe gerne Auskunft wenn das Interesse da ist zu lernen).

  6. Manchmal gelächelt bei der persönliche Meinung oder ein Tränchen im Auge ;-) Aber so ist es, leider. Nun ja, Diabetiker ob nun Typ I oder Typ II, die Rückschläge sind tatsächlich gleich.

    Wie erklärt man einem Außenstehenden, welches Gewitter mitunter ein Diabetiker durchlebt, wenn durch was auch immer die Werte schlecht sind. Möchte dazu noch anmerken, zuerst muss man lernen die Krankheit anzunehmen. Und dann lernt man dass man mit der Krankheit leben kann und bewältigen, dass die Krankheit nicht das Leben bestimmt. Dies ist bei jedem Diabetiker verschieden, wie er damit umzugehen pflegt oder wie mit der Krankheit sein Leben weiter verläuft.

    Danke für diesen Einblick, manchmal habe ich mich auch dabei wieder erkannt ;-)

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